Storytelling einer Heiligen

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Storytelling einer Heiligen

Maria Magdalena: Sie ist die wichtigste Frau der Jesusgemeinschaft. Beim Gastmahl soll sie seine Füße gesalbt haben. Sie ist bei Jesus Kreuzigung dabei. Und ihr zeigt sich der Auferstandene zuerst. Maria Magdalena trägt die Botschaft in die Welt. Eine durchaus machtvolle Präsenz umgibt die Heilige. In ihrer besonderen Position zieht die weibliche Bibelfigur noch 2.000 Jahre später in ihren Bann – und inspiriert sogar Ikonen der Popmusik.

Seit ich aufgewachsen bin, fasziniert sie mich, weil sie als diese Prostituierte galt, die im Grunde Jesus‘ Freundin war und Christus die Füße gewaschen hat. Sie taucht in so vielen Darstellungen auf, sie hat eine ikonische Präsenz – und sie ist einfach so wichtig.

Lady Gaga, 2002

Bloody Mary

Sinnlich und aufreizend, mächtig und wissend: So präsentiert sich die amerikanische Sängerin Lady Gaga in der Rolle der Maria Magdalena. Im Videoclip zieht sie als Mitglied einer rebellischen Bikergang durch die Straßen. Ihr Anführer: Jesus. Nach der erotischen Inszenierung der Fußwaschung entbrennt eine emotional aufreibende Dreiecksbeziehung. Die Frau sucht die Nähe zu Jesus – fühlt sich jedoch zu Judas hingezogen. Der wird Jesus noch in der gleichen Nacht an die römischen Soldaten verraten.

Rebell des Glaubens

Heute kaum vorstellbar: Aus Sicht der Römischen Regenten galt Jesus von Nazareth als gefährlicher Aufrüher. Er predigte eine revolutionäre Auffassung von Glauben, die auf bedingungsloser Nächstenliebe basierte und wandte sich den Armen und Ausgestoßenen zu. Der enorme Zulauf von Anhängerinnen und Anhänger blieb den römischen Besatzern nicht verborgen. Der charismatische Jesus galt als Bedrohung der bestehenden Ordnung und als Anführer eines potenziellen Volksaufstands. Die Situation eskalierte, als Judas ihn an die Behörden verriet. Unter dem Vorwurf des Aufruhrs verurteilten die Römer Jesus schließlich zur grausamen Strafe der Kreuzigung.

Diese dramatischen Ereignisse wurden vor rund 2000 Jahren in den vier Evangelien der Bibel niedergeschrieben. Dabei variierten Markus, Matthäus, Lukas und Johannes die Geschichte in feinen Nuancen.

Blonde Locken und nackte Haut – Vom Bild stereotyper Schönheit zu Episoden aus Maria Magdalenas Geschichte: In schnell aufeinanderfolgenden Bildern überträgt Lady Gaga in unsere Zeit, was wir über die Heilige zu wissen glauben – von der hübschen Jüngerin über die Geliebte, die Jesus‘ Füße wäscht hin zum Verrat des Judas bis zur Steinigung der Ehebrecherin.

Aber wer war Maria Magdalena wirklich? Zweifelsohne lassen die Quellen nichts über das Alter oder das Aussehen der Frau schließen. Doch ihr Name scheint Bemerkenswertes zu verraten: Anders als zu Jesu‘ Lebzeiten üblich bezieht er sich nicht etwa auf einen Mann, sondern womöglich auf ihre Herkunft. Ist Maria eine Frau aus Magdala, der Stadt am Ufer des Sees Genezareth? Dass sie Magdala verließ, um sich der Jesusbewegung anzuschließen, setzt eine starke Persönlichkeit voraus.

Der Herkunftsort

In einer Zeit, in der Maria wohl einer der beliebtesten Namen war, macht nur der Beiname eine Unterscheidung möglich. Magdala mag auf die Stadt am Westufer des Sees Genezareth verweisen, in dem erst in den letzten Jahrzehnten u.a. eine Synagoge aus der Zeit vor 70 n. Chr. freigelegt wurde – aber auch Fischbecken am Markt. Der griechische Name der Stadt, „Tarichea“, den schon der Geschichtsschreiber Josephus erwähnt, verweist auf das Trocknen und Einpökeln von Fischen, ein Gewerbe, das die Stadt zu einem bedeutenden Industriezentrum mit Exporten bis nach Rom gemacht hat und das der Bevölkerung Wohlstand verschafft haben muss.

Wie üblich wird Maria Magdalena verheiratet oder verwitwet gewesen sein, als sie sich entschied, den Heimatort und damit die soziale Absicherung zu verlassen – ein bewusst gewählter sozialer Abstieg.

Aber bereits frühe Kirchengelehrte verstanden dein Beinahmen „Magdala“ nicht nur geografisch: Auf aramäisch und hebräisch verweist er auf „Turm“ oder „Festung“. Denn während sich die übrigen Jünger bereits vor der Kreuzigung von Jesus abgewandt haben, um der eigenen Bestrafung zu entgehen, steht Maria Magdalena ihm auch am Kreuz bei. Unerschütterlich „wie eine Festung“ – aber durchaus riskant: Als Anhängerin der Jesusgemeinschaft wäre sie bei der Entdeckung verurteilt worden. Die Todesstrafe vollstreckten die Römer auch bei Frauen. Zudem erspähte Maria Magdalena die Auferstehung als Erste und wurde so zur Verkündung der Botschaft auserwählt. Eine unerschütterliche Säule, oder gar der „Wachturm“ des Glaubens.

Die besondere Nähe zwischen Jesus und Maria Magdalena fesselt. Seit nunmehr 2.000 Jahren vollzieht sie eine einzigartige und spannungsreiche Transformation – die Anhängerin der Glaubensgemeinschaft wird zur Sünderin und reuigen Büßerin und schließlich zur Identifikationsfigur. Keinen geringen Anteil spielt dabei die Kunst: Immer neue Bilder lassen uns noch heute Fragen zu Glaube, Gesellschaft und Weiblichkeit nachspüren.

Titel fehlt

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Ein bühnenartiger Schauplatz für die Kunst: Im Kirchenraum spiegelt sich der Wandel der mittelalterlichen Frömmigkeit wider. Auf Altar- und Andachtsbildern wie in der Skulptur ist Maria Magdalena eine zentrale Figur. Die Entwicklung von der Sünderin zur Büßerin wird beispielhaft und findet im Magdalenenkult seinen Höhepunkt

Es sind die ältesten heute noch erhaltenen Bilder von Maria Magdalena: Ein um 240 n. Chr. entstandenes Wandgemälde aus dem heutigen Syrien und ein Relief auf einem Sarkophag in Italien aus dem 4. Jahrhundert zeigen sie in Begleitung auf dem Weg zum Grab Christi. An der Schwelle zwischen Verfolgung und freier Ausübung des christlichen Glaubens hat sich das Wissen um Maria Magdalenas Bedeutung bereits im Römischen Reich weit ausgebreitet.

Mit dem Blick aufs Wort, im heiligen Buch blätternd: Nichts weniger als eine neue zeitgemäße Auslegung der Bibel hat sich Papst Gregor im 6. Jahrhundert zur Aufgabe gemacht. Zweifelsohne ist die Erfolgsgeschichte der Maria Magdalena eng damit verbunden: Mit ihr verwebt er die Geschichten der reuigen Sünderin und der geistesversunkenen Maria von Bethanien – beide wurden von Jesus aufgrund ihrer Eigenschaften geschätzt.

Durch die Zuschreibung des positiven Lebenswandel und die innere Einkehr zu Gott wird Maria Magdalena zur idealen Identifikationsfigur für alle Gläubigen im Sinne der Kirchenstrukturen. Aber sie machen sie auch zu einer völlig andere Gestalt. Gregors Neuinterpretation der Heiligen war so mächtig, dass sie fast 1.400 Jahre lang als unumstößliche Wahrheit galt.

Gregor und die Bedeutung von Kirche

Etwa ein halbes Jahrtausend trennen die Evangelien von Gregors Neuinterpretation. In der mittelalterlichen Schriftauslegung bedeutet kein Wort und kein Satz der Bibel nur das, was dem Wortlaut nach im Text steht. Durch geschickte Verknüpfungen von Episoden und Protagonisten entsteht eine neue Auffassung der Geschichte, in der Maria Magdalena als weibliches Vorbild eine besondere Bedeutung zukommt. Gregors Neuinterpretation war so mächtig, dass sie beinahe 1.400 Jahre lang als unumstößliche Wahrheit galt. Erst im Jahr 1969 stellte die katholische Kirche unter Papst Paul VI. offiziell klar, dass Maria Magdalena keine Prostituierte war und die Figuren fälschlicherweise vermischt wurden.

Als reumütige Sünderin regt Maria Magdalenas bereits zahlreiche Legenden an. Noch im 11. Jahrhundert hat aber auch ihre alte Form der Augenzeugin und Botschafterin Bestand. Als zeitlos entrückte, unnahbare Darstellungen vermitteln Skulpturen, Reliefs oder Malereien die Bedeutung der Heiligen. Gerade Maria Magdalenas Darstellung auf einem kleinen Elfenbeintäfelchen beeindruckt: Direkt neben Jesus und auf gleicher Höhe mit der Mutter Gottes steht die Apostelin.

Maria Magdalena

Ihr zeigt sich Jesus nach seiner Auferstehung zuerst: Maria Magdalena. Dass sie zwar kniend, aber in gleicher Größe mit Jesus dargestellt ist, zeigt ihre große Bedeutung.

Jesus Geste

Mit dem Segensgruß wendet Jesus sich Maria Magdalena aus nächster Nähe zu.

Schriftrolle

In seiner Linken hält Jesus eine Schriftrolle – die „Frohe Botschaft“. Er überträgt Maria Magdalena die vertrauensvolle Aufgabe, den anderen Jüngern seine Auferstehung zu verkünden. Sie wird dadurch zur „Apostelin der Apostel“.

Verschlossene Tür

Während Maria Magdalena sich entschied, Jesus loyal und mutig bei der Kreuzigung und am Grab beizustehen, verstecken sich die Jünger hinter verschlossenen Türen, berichtet der Evangelist Johannes. Aus Angst vor einer möglichen Bestrafung durch die römischen Stadtherren oder aufgrund von Schuldgefühlen, Jesus im Stich gelassen zu haben?

Thomas

Da Jesus sich den Jüngern hinter verschlossenen Türen zeigt, glaubt Thomas dem Gesehenen nicht: Er verlangt einen Tastbeweis und darf die geöffnete Seitenwunde berühren, die Jesus von einem römischen Soldaten zugefügt wurde.

Sehen, woran man glaubt: Den mittelalterlichen Kirchenraum füllt die wachsende Sehnsucht nach Bildern von Heiligengeschichten wie die der Maria Magdalena. Inzwischen fest in der Verschmelzung mit der reumütigen Sünderin und der sich versunken dem Glauben hingebende Frau inszeniert, regt sie neue Erzählungen an. Sie verwachsen zu einer einzigartigen, hoffnungsvollen Biographie. In teils aufregenden und szenischen Darstellungen wird Maria Magdalena so zur Hauptfigur ihr gewidmeter Altarbilder. Das enge Vertrauen zu Jesus rückt dabei mehr und mehr in den Hintergrund.

Reich geschnitzt, ursprünglich vergoldet und farbig bemalt eint der Altar gleich mehrere biblische wie legendärische Episoden der Maria Magalena: Von der Verschmelzung mit der Sünderin, die Jesus Füße salbt, hin zur Begegnung mit dem auferstandenen Christus. Im oberen Register finden sich Legenden, die im Italien des 10. Jahrhunderts ihren Ursprung fanden. Darin zeigt sich Maria Magdalena als reumütige Büßerin in der Abkehr von allem Weltlichen.

Büßende Heilige

Im Hochmittelalter wuchs das Interesse an einer zusammenhängenden Lebensgeschichte der Heiligen. Verschiedene, ursprünglich voneinander unabhängige Legenden wurden miteinander verbunden und zu einer Erzählung ausgestaltet. Nach mittelalterlicher Überlieferung gelangte Maria Magdalena nach der Himmelfahrt Christi nach Südfrankreich, wo sie als Missionarin wirkte, bevor sie dreißig Jahre lang als Büßerin in einer Höhle lebte. Verbreitet wurde diese Darstellung vor allem durch die Legenda Aurea, eine im 13. Jahrhundert von Jacobus de Voragine zusammengestellte Sammlung von Heiligenlegenden. Durch ihre weite Verbreitung in Europa prägte sie nachhaltig das bis heute bekannte Bild Maria Magdalenas als reuige Büßerin.

Nichts als ein gesenkter Blick, hängende Schultern und von tiefer Reue gerötete Wangen. Im Kirchenraum löste körperliche Darstellung der Büßerin einst großes Mitgefühl aus. Als Skulptur konnten Gläubige sie schließlich nicht nur umgehen, sondern sie und ihre Geschichte im wahrsten Sinne „begreifen“. Das direkte Gegenüber weckte eine emotionale Frömmigkeit – noch hervorgehoben dadurch, dass der Bildhauer Hans Multscher die Heilige in ein zeitgenössisches Gewand kleidet. Maria Magdalena wird Teil der Lebenswelt der Gemeinde – ein fester Bestandteil des Kirchenraums und des Glaubens.

Die Legende der sich von allem Weltlichen abwendenden, büßenden Maria Magdalena fällt in ganz Europa auf fruchtbaren Boden. Als in Frankreich im 13. Jahrhundert vor allem die Bettelorden ihre Kritik am unermesslichen Reichtum der Kirche äußerten und eine Rückbesinnung auf die Grundwerte des christlichen Glaubens forderten, wird Maria Magdalena zum strahlenden Vorbild. Als Zentrum des wachsenden Magalenen-Kults fungiert die Abtei von Vézelay: Hier bewahren die Mönche die Gebeine der Maria Magdalena auf.

Größer als alle Apostel: Die Bedeutung Maria Magdalenas ist ins unermeßliche gestiegen. In den Kirchen hat ihre Geschichte – erzählt durch Skulpturen, Altäre und Andachtsbilder – „Starkult“ erreicht. Ihre Biographie, vom Dominikanermönch Jacobus de Voragine um 1264 gemeinsam mit anderen Heiligengeschichten in der „Legenda Aurea“ zusammengefasst, wird zum Bestseller.

Keiner anderen Frau auf der Welt [außer der Jungfrau Maria] wurde größere Verehrung entgegengebracht oder größerer Ruhm im Himmel zugeschrieben.

Humbert de Romans, Generalvikar Dominikanerklosters, 13. Jahrhundert

Salbung

Der Evangelist Johannes berichtet, Jesus sei beim Gastmahl des Lazarus von Betanien auf dessen Schwestern Martha und Maria getroffen. Während Martha die Gäste fleißig bedient, salbt Maria Jesus‘ Füße mit teuren, duftenden Ölen. Auf die Verschwendung angesprochen, nimmt Jesus die Frau in Schutz.

Trost

Als Aufrührer wurde Jesus zu Tode verurteilt. Während die Soldaten rechts die Ordnung sicherstellen, beobachtet Maria Magdalena mutig mit einigen Frauen die Kreuzigung. Gemeinsam spenden sie sich Trost. Die Anzahl der begleitenden Frauen variiert von Evangelist zu Evangelist.

Auferstehung

Um den toten Körper zu salben, begibt sich Maria Magdalena an Jesus Grab. Dass Maria Magdalena die Erste ist, der sich der Auferstandene zeigt, darin sind sich alle vier Evangelisten einig.

Elevevatio

Eine Legende, der große Beachtung zukommt: Um dem aufgefahrenen Jesus näher zu sein, begibt Maria Magdalena sich in die tiefe Meditation. Engel heben sie täglich mehrfach gen Himmel.

Seele zu sich

Engel, ein Bischof und Christus umringen die verstorbene Maria Magdalena. Sanft umschließt er ihre unschuldige Seele, um sie in den Himmel zu führen. Ihr Tod wird in der Legenda Aurea geschildert.

Sonderstellung

Mit roter Robe und Heiligenschein, auf einem Thron sitzend: So wird die besondere Stellung der Maria Magdalena verdeutlicht, die auf Bibel und Legenden beruht. Die blonden Locken verweisen auf das Trocknen der gesalbten Füße mit ihren eigenen Haaren, das Salbgefäß hält sie in ihrer Linken, die gläseren Gebetsperlen in ihrer Rechten.

Als Paradebeispiel der Abkehr von weltlichem Begehren setzten die mächtigen Bettelorden Maria Magdalena in Szene. Auch zahlreiche Passionsdarstellungen sind die Folge: Sie zeigen Maria Magdalena in direkter Nähe zu Jesus. Ihre Loyalität und Treue zu Jesus wird zum Vorbild aller Gläubigen.

Römer

Mit der Dornenkrone auf dem Haupt und dem Seil um den Hals zerren die römischen Soldaten Jesus zum Vollzug. Sein Kreuz muss er selbst tragen. Die unmenschliche Seite der mit Schlägen drohenden Peiniger wird in Szene gesetzt.

3 Frauen, Stütze und Anführerin

Die drei Frauen beobachten aus der Ferne, wie Jesus zur Kreuzigung geführt wird. Aus Trauer sinkt die Muttergottes zusammen – Maria Magdalena stützt ihren Körper. Der Zusammenhalt der Frauen in der Not spielt eine entscheidende Rolle.

Johannes

Ausschließlich im Johannesevangelium wird berichtet, dass ebenjener Johannes als einziger Apostel nicht flieht, sondern sich in die treue Gemeinschaft der Frauen einreiht.

Verhöhnung

Um Nachahmer abzuschrecken war es nach römischem Recht üblich, über dem Kopf eines Gekreuzigten den Grund der Hinrichtung zu schreiben. INRI ist eine Abkürzung, die übersetzt „Jesus von Nazareth, König der Juden“ bedeutet. Dass ebenjener nun gekreuzigt wurde, muss als Hohn gelesen werden.

Salbung

Eine Szene, die so in der Bibel nicht erzählt wird, aber in der Kunst durchaus üblich ist: Bei der Kreuzabnahme anwesend zu sein, hätte Jesus Vertraute selbst ins Visier der römischen Soldaten gebracht.

Headline fehlt

Nur im Johannesevangelium rückt Maria Magdalena direkt unters Kreuz – diese verdichtete Darstellung wird zur Bevorzugten in der Kunst: Mal beweint sie Jesus trauernd davor, mal klammert sich verzweifelt am Holz fest oder küsst sogar den Kreuzesstamm. Das Bild der Maria Magdalena unter dem Gekreuzigten hat sich in das kulturelle Gedächtnis eingebrannt.

Als Johannes im späten 1. Jahrhundert nach Christus als Letzter sein Evangelium niederschrieb, ist das Massaker an zehntausenden Einwohnern ihrer Heimatstadt Magdalas nur wenige Jahre vorüber: Der Stadt, die der römischen Herrschaft Widerstand leistete, rotteten die Soldaten aus. Ob Johannes genau daran erinnern möchte und den ferneren Verwandten und Bekannten seelischen und moralischen Beistand leisten wollte, indem er Maria Magdalena noch näher an den ebenfalls von den Römern getöteten Jesus rückte?

Magdalena als Geheimnisträgerin

Magdalena als Geheimnisträgerin
Magdalena als Geheimnisträgerin
Magdalena als Geheimnisträgerin
Magdalena als Geheimnisträgerin

Ein kleines Gefäß mit großem Geheimnis: Das Salbölgefäß zieht sich durch die mittelalterlichen gemalten Erzählungen der Maria Magdalena als wiederkehrendes Motiv.

Am ersten Tag der Woche gingen die Frauen mit den wohlriechenden Salben (…) in aller Frühe zum Grab.

Lukas 24

Mit wohlriechenden Ölen macht sich Maria Magdalena mit zwei weiteren Anhängerinnen auf den Weg zum Grab: Von diesem Akt tiefer Liebe berichtet die Bibel. Zugleich wollen die Frauen dem Erniedrigten und Gekreuzigten so die Würde eines Königs zukommen lassen. Doch sie stoßen auf das leere Grab und einen Engel. Nicht etwa in einer Landschaft, sondern vor einer ornamental dekorierten Wand zeigen die frühen Tafeln – wohl Türen eines Reliquienschranks – die Szene. Damit illusioniert die Malerei einen geschnitzten Schrein mit bemalten Relieffiguren. Im über und über mit Skulptur besetzten Kirchenraum beweist gerade die Malerei ihre lebendige Wirkung.

Flüssige Kostbarkeit

Das kostbare Nardenöl aus der Himaya-Region von Nepal, China oder Indien betörte mit seinem Duft bereits die Menschen im antiken Ägypten. Die Importware kam sowohl als luxuriöses Parfum wie als schmerzstillende Medizin zum Einsatz und wurde in Alabastergefäßen fest verschlossen: In solchen -mal schlichten, mal reich verzierten – Salbölgefäßen erhielten sich Duft und Wirkung am besten.

Zuweilen gar betörend: Gut verschlossen bewahrten die Salbölgefäße den Duft kostbarer Öle aus fernen Ländern. In der Verbindung von Maria Magdalena mit der namenlosen Sünderin und der Maria von Bethanien spielt das Detail eine entscheidende Rolle – denn beide sollen die nackten Füße des Jesus gesalbt haben.

Maria von Bethanien, unten rechts, salbt beim Gastmahl ihres Bruders Lazarus die Füße Jesu. Ihre Schwester Martha ist auf der linken Seite eifrig mit der Bewirtung beschäftigt. Nach der Überlieferung, besonders bei Gregor dem Großen und in späteren Legenden, wird Maria von Bethanien mit Maria Magdalena gleichgesetzt. Dadurch erscheint sie als Mitglied der Geschwistergruppe und entstammt einem wohlhabenden Haushalt. Die Szene stellt den Gegensatz zwischen tätigem Dienst und stiller Hingabe dar. Marias Handlung steht für Einkehr, geistige Nähe und tiefen Glauben.
Beinahe ein identisches Bild, doch mit anderer Geschichte: In den Evangelien tritt beim Gastmahl des Pharisäers Simon eine namenlose Sünderin an Jesus heran. Sie benetzt seine Füße mit ihren Tränen, trocknet sie mit ihrem Haar und salbt sie anschließend. Ihr Weinen macht Reue und Demut sichtbar: Aus großer Sünde erwächst tiefe Liebe und Vergebung, die ihr die Nähe zu Jesus eröffnet. In der späteren Tradition verschmilzt diese Gestalt mit Maria Magdalena und wird so Teil ihrer Lebensgeschichte als reuige Sünderin.

Mit ihren Haaren trocknet die reuende Sünderin Jesus bloße Füße – eine ungezwungene Geste, die unter unverheirateten Paaren auch im 13. Jahrhundert verpönt gewesen wäre.

Die hochverehrte Heilige, gleichgesetzt mit der ehemaligen Sünderin – Grundlage der Verwechslung ist die Beschreibung des Evangelisten Lukas: Jesus habe Maria Magdalena sieben Dämonen ausgetrieben. Papst Gregor deutete dies im 6. Jahrhundert allegorisch um und setzte sie mit den sieben Todsünden gleich – insbesondere der Wollust. Die Verbindung mit der Sünderin liegt somit auf der Hand. Das Bild prägt die Kunst noch die nächsten Jahrhunderte.

Was bedeuten diese sieben Dämonen, wenn nicht die Gesamtheit aller Laster? […] Maria hatte sieben Dämonen in sich, denn sie war voller Laster.

Papst Gregor der Große, Homilie 33, 591 n. Chr.

Heimgesucht von Dämonen

Lukas und Markus erwähnen in ihren Evangelien, Jesus habe Maria Magdalena sieben Dämonen ausgetrieben, bevor sie sich der Glaubensgemeinschaft angeschlossen hat. Am ehesten wohl Ausdruck eines psychischen Leidens – womöglich hervorgerufen durch eine Erkrankung oder eine besondere Ausnahmesituation. Gregor aber setzt die sieben Dämonen mit den sieben Todsünden gleich. Der Grund dafür liegt wohl im schlechten Ruf Magdalas, der seinen Ursprung bei den römischen Besatzern hatte: Die Bewohner wurden der Ehrenlosigkeit und des ausschweifenden Benehmens bezichtigt. Von Magdalenas sieben Dämonen zu Hochmut, Habgier, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Trägheit war es da wohl nicht weit. Als Sünde wird die Besessenheit von Dämonen jedoch an keiner Stelle des Neuen Testaments bezeichnet.

Was zunächst kaum vorstellbar klingt, spielt eine elementare Rolle für ihre Verehrung im Mittelalter: Im 13. Jahrhundert bestimmt das vierte Lateralkonzil die jährliche Beichte als verpflichtend. Maria Magdalena als Sünderin ist die Voraussetzung für ihren reumütigen Weg zur tugendhaften Büßern.

Sie kehrte die Zahl der Vergehen in die von Tugenden um

Gregor

Füße waschen mit den eigenen Tränen, sie trocknen mit den langen blonden Haaren und letztlich das Salben mit den eigenen Fingern: Die sinnliche Berührung mit der nackten Haut wird Teil der Magdalenengeschichte. Im Salbölgefäß bewahrt sich die Berührung mit Christus für die Ewigkeit.

Die Zeichnung zeigt eine kunstvoll bearbeitete, jedoch längst verlorene Reliquienbüste. Im Stab: Die Haare der Heiligen, im verglasten Behälter: Die Knochen von Zeige- und Mittelfinger. Die wichtigsten Reliquien der Maria Magdalena: Beim Salben und Trocknen der Füße sollen sie mit Jesus in Berührung gekommen sein. Sie zählen so zu den hochverehrten Christusreliquien

Reliquientourismus

Maria Magdalena nah sein – die Hoffnung auf Vergebung/Sündenerlass durch Reue: Eine Pilgerreise zu den Reliquien ins burgundische Vézelay bildet im 12. Jahrhundert den Höhepunkt des Glaubens für gewöhnliche Bauern wie für mächtige Herrscher. Hier sollen sich die originalen Gebeine der Heiligen befinden, auch wenn weitere Abteien ebenfalls im Besitz von Magdalenenknochen sein wollen. Der Pilgerboom brachte Geld für die Bürger und Abtei von Vézelay, bedeutete aber auch Prestige für den burgundischen Adel: Die Reliquien der bedeutsamen Heiligen auf eigenem Grund wurden zu einem strategischen Instrument zur Herrschaftslegitimation. Burgund inszenierte sich damit als das wahre Herz der Christenheit.

Das Ideal des Körpers?

Das Ideal des Körpers?
Das Ideal des Körpers?
Das Ideal des Körpers?
Das Ideal des Körpers?

Diese Funde verändern alles! Im 15. Jahrhundert werden vor allem in Rom vermehrt Skulpturen antiker Göttinnen und Götter ausgegraben. Ein wahres Antiken-Fieber bricht aus und ermöglicht erstmals wieder den Blick auf Darstellungen des (nackten) Körper. Selbst Maria Magdalena wird daraufhin ganz selbstverständlich entblößt. Die plausible Begründung entstammt einer Legende.

Maria Magdalena – nackt! Ein Skandal, müsste man meinen. Das Motiv war jedoch so beliebt, dass schon zu Lebzeiten so berühmte Künstler wie Albrecht Dürer oder Lucas Cranach sie in Form von Druckgraphiken herstellten. Denn so ließen sie sich kostengünstig und in hoher Auflage herstellen und weit verbreiten. Die Nachfrage war groß.

Diese Legende des Magdalenenlebens inspirierte zahlreiche Künstler: Im Versuch, Christus nach dessen Himmelfahrt näherzukommen und im Sinne der Überwindung des alten, sündhaften Lebens soll Maria Magdalena sich 30 Jahre lang als Einsiedlerin zurückgezogen haben. Versunken in tiefer Askese, ohne menschlichen Kontakt und ohne Nahrung, so wird berichtet, haben Engel sie siebenmal täglich zum Himmel gehoben, um sich alleine am himmlischen Gesang zu nähren.
Antike Bildhauer stellten Gottheiten wie Apoll, Poseideon oder Aphrodite als Zeichen göttlicher Vollkommenheit, Kraft und Reinheit nackt dar Die Skulpturenfunde im Italien des 15. Jahrhunderts regen das Vermessen und Berechnen des menschlichen Körpers an – er wird in Zeichnungen und Schriften beschrieben. Auch Albrecht Dürer beteiligt sich daran. Am christlichen Glauben hielten die Humanisten weiterhin fest – versuchten aber, die antiken Vorstellungen von Moral mit denen des Christentums in Einklang zu bringen.

Mit solchen Darstellungen konzentrieren sich die Künstler auf nur eine Szene – ganz anders als die mittelalterliche Abfolgen mehrerer Episoden aus dem Magdalenenleben.

Magdalena in der Wüste

Drei Engel heben die unbekleidete Maria Magdalena in die Höhe. Ganz nackt ist sie dennoch nicht: Haare bedecken beinahe ihren gesamten Körper. Solche Darstellungen tauchen immer wieder auf und vermischen ganz bewusst die Legenden der Maria Magdalena in der Einöde mit Maria von Ägypten. Denn sie unterstützen die sexuelle Deutung der Magdalenaschen Sünden: Als Prostituierte hat sich die um 344 geborene Maria von Ägypten hat sich in Alexandria betätigt. Auf einer Wallfahrt nach Jerusalem zum Glauben gefunden, soll sie sich die nächsten 47 Jahre in die Wüste des Jordans zurückgezogen haben. Als der Mönch Zosimas sie schließlich fand, war zwar ihre Kleidung verrottet – doch die Frau war über und über mit Haaren bedeckt

Eine erhobene Maria Magdalena der ganz anderer Art: Seine Version malt Giovanni Lanfranco rund 100 Jahre nach Cranach und Dürer. Weit entfernt von idealer Schönheit und von göttlicher Unversehrtheit – aber mit einer feinen psychologischen Note und durchaus dramatisch angereichert.

Maria Magdalena

Der Künstler verdeutlicht Maria Magdalenas körperliche und seelische Erfahrung in der selbstgewählten Ausnahmesituation. Strähnig fallen die langen blonden Haare vom Kopf herab. Der Bauch scheint aufgebläht vor Hunger. Und auch an der blassen, fahlen haut macht sich der Mangel bemerkbar.

Landschaft

Das Felsmassiv von Sainte-Baume als Startpunkt der Auffahrt: Die Legende rückt Maria Magdalena in die Provence. Sie stützt die Behauptung, der wahre Aufbewahrungsort ihrer Reliquien sei eine kleine Kirche in der Nähe von Marseille. Als der provenzalische Regent Karl II. von Anjou den dort aufgefundenen Sarkophag 1279 öffnen ließ, soll wie zum Beweis ein feiner, wohlriechender Duft ausgeströmt sein. Nach der offiziellen Anerkennung durch Papst Bonifatius brach der Pilgerstrom nach Vézelay abrupt ab.

Zeugen

Ein Eremit habe Maria Magdalenas Erhebung beobachtet und davon berichtet – so besagt es die Legende. Ist er hier mit einem Begleiter dargestellt? Oder ist er gar in Begleitung des Bischofs Maximin, der in mehreren Episoden der Maria Magdalena auftaucht und ihr vor dem Tod die letzte Kommunion verabreicht?

Askese, innere Einkehr und Meditation, um Jesus näherzukommen: Die Darstellungen verbildlichen Maria Magdalenas unheilbare Sehnsucht nach Christi Himmelfahrt. Die “Apostelin der Apostel”, die Jesus am Nächsten gestanden haben soll, ist gesellschaftlich wie in der Kunst fest verankert.

Unterschwellige Bande

Unterschwellige Bande
Unterschwellige Bande
Unterschwellige Bande
Unterschwellige Bande

Das Privileg der direkten körperlichen Berührung und der ersten Begegnung nach der Auferstehung: Legende wie Kunst wecken Assoziationen einer vertrauten Beziehung zwischen Maria Magdalena und Jesus, die Jahrhunderte überdauern sollen.

Ein Herzstück der Städel-Sammlung schildert das Aufeinandertreffen Maria Magdalenas mit Christus nach seiner Auferstehung. In stimmungsvoller Morgenlandschaft zitiert der französische Künstlers Claude Lorrain zwar ganz konkret die Bibelstelle – das Wissen um die Sünderin, um Maria von Bethanien und die zahlreichen Legenden schwingen beim Anblick aber immer mit.

Fernab der Stadtmauern, inmitten einer grünen Landschaft ist Jesus‘ Felsgrab angedeutet. Maria Magdalena und ihre beiden Begleiterinnen finden es zwar leer vor – doch unweit, in vertrauter Zweisamkeit, trifft sie auf den Auferstandenen. Ein ungewöhnliches Detail fällt ins Auge: Lorrain stellt Christus mit breitkrempigem Hut und Schaufel dar.

Sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast!

Johannes 20, 15

Es mag skurril anmuten: Der gärtnernde Jesus ist ein durchaus übliches Motiv der Kunst. Schon 100 Jahre vor Claude Lorrain hat die italienische Malerin Lavinia Fontana Maria Magdalenas Verwechslung ins Bild gesetzt.

Sie rückt Maria Magdalena ins Zentrum des Bildes und kleidet sie in leuchtend-kostbare Kleidung. Die Herkunft „königlichen Geschlechts“ klingt an – die Legenden haben sich tief in das Gedächtnis der Gläubigen eingeschrieben. So verwundert auch der Austausch inniger Blicke nicht. Unausgesprochen schwingt eine romantische Spannung mit.

Die Braut im Garten

Das Hohelied Salomos ist ein Buch des Alten Testaments. Es besteht aus Liebesdialogen zwischen Braut und Bräutigam und wurde in der christlichen Tradition auch symbolisch gelesen: als Bild für die Liebe zwischen Christus und der Kirche. Vor diesem Hintergrund wird Maria Magdalena in der mittelalterlichen Auslegung zur „Braut im Garten“. Schon Gregor der Große deutet ihre Gestalt im Zusammenhang des Hohelieds: Wie die Braut dort in der Nacht den Geliebten sucht, so harrt Maria am Grabe Christi aus und sucht ihn im Dunkel der Welt. Die Dunkelheit steht für die Unwissenheit vor der Auferstehung. Dennoch ist Maria nicht irrend, denn Christus ist als „Gärtner“ der Herr des Gartens und damit zugleich der Kirche selbst.

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