Engste Vertraute von Jesus, erste Zeugin seiner Auferstehung, eine der berühmtesten Heiligen des Christentums – aber auch ehemalige Prostituierte, reuige Sünderin und Büßerin in der Wüste: Keine andere biblische Figur vereint in sich so viele Widersprüche wie Maria Magdalena.
Maria Magdalena ist immer wieder Projektionsfläche kultureller und religiöser Vorstellungen – von den Schriften des Neuen Testaments zu mittelalterlichen Legenden, von politischer Propaganda bis zu Fragen von Weiblichkeit und Rollenbildern.
Das vielfältige Bild der Heiligen wurde geprägt durch Werke von Künstlerinnen und Künstlern wie Albrecht Dürer, Claude Lorrain, Tizian, Elisabetta Sirani, Arnold Böcklin, Max Beckmann oder Kiki Smith.
Storytelling
Maria Magdalenas 2.000 Jahre alte Geschichte hat bis heute nichts an Spannung verloren – und inspiriert sogar Ikonen der Popmusik.
Sinnlich und aufreizend, mächtig und wissend: So präsentiert sich die amerikanische Sängerin Lady Gaga (*1986) in der Rolle der Maria Magdalena.
„Sie faszinierte mich, weil sie als diese Prostituierte galt, die eigentlich Jesu Freundin war und Christus die Füße gewaschen hat. Sie hat eine ikonische Präsenz – und sie ist einfach so wichtig.“
Lady Gaga, 2022
In ihrem Musikvideo zu Judas zieht die Sängerin als Mitglied einer rebellischen Bikergang durch dunkle Straßen. Philipp, Thomas oder Simon: Stolz tragen die Anhänger ihre Namen auf den Lederjacken. Als Anführer tritt Jesus in Erscheinung – immer in Begleitung von Maria Magdalena.
Bildgewaltige Erzählung
Bildgewaltige Erzählung
Eine moderne Deutung: Lady Gaga verbindet biblische Berichte, jahrhundertealte Legenden und zeitgenössische Interpretationen der Maria Magdalena zu einer völlig neuartigen, episodenhaften Erzählung.
Erst die erotische Inszenierung der Fußwaschung, dann entbrennt eine emotional aufreibende Dreiecksbeziehung: Im Video sucht Maria Magdalena die Nähe zu Jesus – und fühlt sich zugleich zu Judas hingezogen. Der wird Jesus noch in der gleichen Nacht an die römischen Soldaten verraten…
Eine neue Religion
Das Markusevangelium schildert, wie Jesus wütend Händler aus dem Tempel in Jerusalem verjagt: Dem jüdischen Wanderprediger soll die Geschäftemacherei im Gotteshaus zuwider gewesen sein. Er wendet sich den Armen und Ausgestoßenen zu und predigt eine neue Auffassung von Glauben, die auf bedingungsloser Nächstenliebe basiert.
Der enorme Zulauf von Anhängerinnen und Anhängern bleibt den Herrschern des Römischen Reiches – den damaligen Besatzern der Gebiete um Judäa und Galiläa – nicht verborgen. Aus Angst vor einem Aufstand während des jüdischen Pessach-Festes wird Jesus verhaftet. Der römische Statthalter Pontius Pilatus verurteilt ihn zum Tode. Mit der Kreuzigung beginnt die Ostergeschichte, die eng mit Maria Magdalena als Zeugin der Ereignisse verbunden ist.
Diese dramatischen Geschehnisse finden Eingang in die vier Evangelien des Neuen Testaments der Bibel. Dabei unterscheiden sich die Schilderungen von Matthäus, Markus, Lukas und Johannes in einigen Details.
In heutige Bilder und Vorstellungen von Maria Magdalena sind Erzählungen eingeschrieben, die sich im Laufe der Jahrhunderte um diese faszinierende Frauenfigur der christlichen Religion gesponnen haben.
Das, was wir über die Heilige zu wissen glauben, überträgt Lady Gaga in unsere Zeit: Maria Magdalena soll Jesu Füße gesalbt und ihn dabei unmittelbar berührt haben. Die Bibel schildert, wie sie seinen Tod am Kreuz miterleben muss und kurz darauf sein leeres Grab auffindet. Als engste Vertraute wird sie zur ersten Augenzeugin der Auferstehung – und erhält den Auftrag, den Jüngern von diesem Wunder zu berichten.
Jung, blond, makellos: So wird Maria Magdalena meist dargestellt. Tatsächlich verraten die Quellen nichts über ihr Alter und Aussehen – ihr Name aber vermittelt Bemerkenswertes.
Das Geheimnis ihres Namens
Zu Jesu Lebzeiten ist Maria einer der beliebtesten Frauennamen. Zur Unterscheidung dienen auf männliche Verwandte bezogene Beinamen. Bei Maria Magdalena ist es wohl aber eher der Verweis auf ihren Herkunftsort: Maria aus Magdala – die reiche Fischerstadt am Ufer des Sees Genezareth. Belege dafür, dass die Stadt, die heute Migdal heißt, bereits im 1. Jahrhundert den Namen Magdala trug, suchte man bislang aber vergebens.
Allerdings gibt Jesus auch männlichen Aposteln Beinamen mit bestimmten Bedeutungen: Simon beispielsweise nennt er „Kephas“ (griech. „petros“), was im Deutschen mit „Fels“ bezeichnet wird. Daher übersetzt schon der bedeutende Kirchenlehrer Hieronymus (um 348/49–420) den aus dem Aramäischen und Hebräischen stammenden Beinamen „Magdalena“ wortwörtlich mit „Turm“ oder „Festung“ – ein Hinweis auf ihre weitsichtigen, visionären Kräfte? Sicher ist: Maria Magdalena wird bis heute als eine feste Säule des christlichen Glaubens gedeutet. Unerschütterlich soll sie Jesus am Kreuz beigestanden haben. Sie wird auserwählt, die „Frohe Botschaft“ als Erste zu verkünden.
Apostelin
Ihr zeigt sich Jesus zuerst: Nach der Kreuzigung wird Maria Magdalena zur ersten Zeugin und Verkünderin seiner Auferstehung. Aus dem Reigen der männlichen Apostel sticht sie damit heraus.
Als „Apostel“ – also „Botschafter“ oder „Gesandte“ – hat Jesus zunächst seine zwölf männlichen Jünger bezeichnet. Es ist aber Maria Magdalena, die nun die „Frohe Botschaft“ seiner Auferstehung verkünden soll. Als erste Glaubensbotin wird sie so zur „Apostelin der Apostel“.
Die Botschaft
Von den Toten auferstanden: Die Schriftrolle in Jesu linker Hand verbildlicht die Nachricht des christlichen Glaubenswunders. Die Aufgabe zur Verbreitung der Botschaft überträgt er zuerst Maria Magdalena.
Das erste Treffen
Maria Magdalena in ihrer Schlüsselrolle: Direkt neben dem von den Toten auferstandenen Christus kniet sie gemeinsam mit einer „anderen Maria“, wie das Matthäusevangelium berichtet.
Das Wiedersehen
Weiter unten auf der Tafel und deutlich kleiner: Erst nach der Begegnung mit Maria Magdalena zeigt Christus sich den männlichen Aposteln.
Das Versteck
Hinter verschlossenen Türen verstecken sich die männlichen Apostel nach der Verurteilung Jesu – so schildert es das Johannesevangelium. Sie hoffen, so einer ähnlichen Bestrafung entgehen zu können.
Maria Magdalenas Darstellung auf dem kleinen, fein geschnitzten Elfenbeintäfelchen beeindruckt. Darstellungen wie diese finden sich im frühen Mittelalter vor allem auf wertvollen Gegenständen wie Reliquiengefäßen, in denen die menschlichen Überreste von Heiligen aufbewahrt werden, auf feinen Buchmalereien oder anderen Objekten kirchlicher Glaubenspraxis.
Einen noch stärker inszenierten Gesamteindruck bietet der spätmittelalterliche Kirchenraum: Andachtsbilder, Skulpturen und Reliefs machen die Präsenz der Heiligen auf breiter Ebene visuell erfahrbar. Sie rücken die besondere Bedeutung der Apostelin in den Blick.
Etwas größer und von Engeln emporgehoben erscheint Maria Magdalena im Reigen der aufwendig vergoldeten Apostelfiguren. Während die männlichen Apostel in faltenreiche Gewänder gekleidet sind, ist sie umhüllt von langem Haar.
Die künstlerischen Darstellungen der Maria Magdalena beruhen auf unterschiedlichen Quellen. In der Bibel aber wird nur Folgendes berichtet: Nachdem Jesus sie von sieben Dämonen befreit, unterstützt Maria Magdalena ihn als treue Jüngerin. In den entscheidenden Stunden erweist sie sich als mutige Zeugin, die der Kreuzigung aus der Ferne beiwohnt – während die männlichen Jünger aus Angst fliehen – und schließlich als Erste vor dem leeren Grab steht.
Neuerfindung
Eine folgenreiche Entscheidung: Maria Magdalena soll mit den biblischen Figuren der Maria von Bethanien und einer namenlosen Sünderin identisch sein – das legt Papst Gregor der Große im 6. Jahrhundert fest. Damit eröffnet er die Möglichkeit neuer Darstellungsformen auch in der Kunst.
Mit dreifacher Papstkrone, in die Worte der Bibel vertieft: So zeigt eine aus Holz geschnitzte Büste den gelehrten Papst Gregor den Großen (um 540–604). Bemalung und Vergoldung geben einen Eindruck des ursprünglich prächtigen Zustands. Dass Hans Bilger (1445–vor 1523) diese Skulptur rund 900 Jahre nach dem Wirken des Papstes geschaffen hat, verdeutlicht dessen weit über seine Zeit hinausreichenden Einfluss.
Als entscheidende Errungenschaft von Papst Gregor gilt dabei besonders die Neuauslegung der Bibel – damit nimmt er großen Einfluss auf die Gestaltung des christlichen Lebens. In einer krisenhaften Zeit voller Kriege, Seuchen und Ängste propagiert er die Buße als Weg zum Seelenheil. Durch das Verschmelzen mit der namenlosen Sünderin und Maria von Bethanien etabliert er Maria Magdalena in einer neuen Rolle: als Vorbild des sündigen und reumütigen Menschen.
Sowohl Maria von Bethanien aus dem Johannes- und Lukasevangelium als auch die namenlose Sünderin aus dem Lukasevangelium sollen Jesu nackte Füße bei einem Gastmahl gesalbt haben. Wie selbstverständlich finden sich diese Episoden in den folgenden Jahrhunderten in eindrucksvollen künstlerischen Darstellungen der Maria Magdalena.
Eine Frau kniet vor Jesus und greift nach seinem Fuß. Die Apostel sitzen währenddessen um einen gedeckten Tisch in angeregter Unterhaltung: Sehr ähnlich wirken die zwei Tafeln eines um 1500 entstandenen, heute zerlegten Magdalenenaltars. Die Details aber deuten auf zwei unterschiedliche Bibelstellen hin.
Die knieende, salbende und reumütige Maria Magdalena: Auf das Motiv der ehemaligen Sünderin beziehen sich Künstlerinnen und Künstler in den folgenden Jahrhunderten immer wieder. Auch die Vergebung ihrer weltlichen Ausschweifungen ist fortan fester Bestandteil ihrer Rolle.
Auf die Episode mit der namenlosen Sünderin folgt in der Bibel unmittelbar die erste namentliche Nennung Maria Magdalenas: Die Textstelle schildert ihre Befreiung von sieben Dämonen – ursprünglich womöglich die Beschreibung eines psychischen Leidens. Papst Gregor aber identifiziert diese mit den sieben Todsünden.
„Was bedeuten diese sieben Dämonen, wenn nicht die Gesamtheit aller Laster? […] Maria hatte sieben Dämonen in sich, denn sie war voller Laster.“
Papst Gregor der Große, Homilie 33, 591 n. Chr.
Die Sündenvergebung versteht Gregor der Große als Moment der Bekehrung Maria Magdalenas. Sie wird so zum kirchlichen Vorbild des sündigen, reuigen und umkehrwilligen Menschen.
„Sie kehrte die Zahl der Vergehen in die von Tugenden um.“
Papst Gregor der Große, Homilie 33,2, 591 n. Chr.
Vorbild für die Beichte
1215 erlässt Papst Innozenz III. (1160/61–1216) Bestimmungen, die bis heute in der katholischen Kirche eine wesentliche Bedeutung haben. Die wichtigste ist Kanon 21: Die jährliche Beichte zu Ostern ist jedem Gläubigen ab einem bestimmten Alter vorgeschrieben. Erst im Anschluss an die darauffolgende Lossprechung durch den Priester kann er mit der Heiligen Kommunion die Gnade Gottes empfangen. Als Identifikationsfigur für die wandlungsfähige Sünderin, der vergeben wurde, erhält Maria Magdalena seitdem eine Vorbildstellung.
Legenden
Geschichten, die in keinem Evangelium zu finden sind – Maria Magdalenas Bild aber bis heute prägen: Das große Interesse an der Heiligen regt immer mehr Erzählungen über ihr Leben und ihre Identität an.
Schnell erfassbare Szenen und viel Liebe zum Detail: Diese reich geschnitzte Tafel schmückte einst mit Seitenflügeln einen Magdalenenaltar. Während der Andacht ermöglichte er eine intensive Beschäftigung mit dem Leben und Wirken der Heiligen.
Das untere Register schildert zunächst von links nach rechts die biblischen Episoden. Die oberen Partien des Altars zeigen daraufhin von rechts nach links einige Episoden von weit verbreiteten, mittelalterlichen Legenden.
Diesen Legenden zufolge wird Maria Magdalena nach Christi Auferstehung ihres Glaubens wegen auf einem steuerlosen Schiff ausgesetzt – göttliche Führung aber bringt es sicher nach Südfrankreich. Dort bekehrt Maria Magdalena das Fürstenpaar von Marseille zum Christentum und zieht sich anschließend für 30 Jahre zum Gebet in eine Höhle zurück. In dieser Zeit wird sie von Engeln regelmäßig in den Himmel getragen, um geistige Nahrung zu empfangen. Kurz vor ihrem Tod erhält Maria Magdalena die letzte Kommunion.
Beim Gastmahl
Die erste Darstellung zeigt das Gastmahl im Hause des Simon – und Maria Magdalena in der Rolle der namenlosen Sünderin, die Christi Füße mit ihren Haaren trocknet und salbt.
Am leeren Grab
Am frühen Ostermorgen begibt sich Maria Magdalena mit zwei weiteren Frauen zum Grab Jesu, um den Leichnam zu salben. Zu sehen ist, wie sie dort stattdessen nur einen Engel vorfinden, der von der Auferstehung Christi berichtet.
Unerwartete Begegnung
Hier wird Maria Magdalena als erste Zeugin der Auferstehung gezeigt – die letzte Episode in der biblischen Erzählung.
Stille Einkehr
In einer Grotte im Gebirge von Sainte-Baume: Auf der rechten Seite des Bildfeldes wird gezeigt, wie sich Maria Magdalena zurückgezogen in stiller Einkehr dem Gebet hingibt. Ihre Haare sind währenddessen bis zu den Füßen gewachsen. Direkt links daneben ist zu sehen, wie Engel sie emporheben: Nur so kann sie die himmlische Speisung in Form von Engelsgesang erhalten – ihre einzige Nahrung.
Letzte Kommunion
Kurz vor ihrem Tod erhält Maria Magdalena die letzte Kommunion durch Bischof Maximin in der Kathedrale im südfranzösischen Aix-en-Provence – so berichtet es die Legende.
Seelenaufstieg
Maria Magdalenas Leichnam liegt auf dem Boden der Kathedrale in Aix-en-Provence. Ihre Seele wird in Form einer kleinen Gestalt in den Himmel getragen.
Die Episoden des oberen Registers gehen zum größten Teil auf eine Legendensammlung aus dem 13. Jahrhundert zurück, die Legenda Aurea, die „Goldene Legende“. Sie gilt als eine der einflussreichsten religiösen Schriften des Mittelalters – verfasst von dem Dominikaner und Erzbischof von Genua, Jacobus de Voragine (1228/29–1298).
Maria Magdalena in der Wildnis
Ihren Ursprung findet die Erzählung der asketischen Einkehr in der Wildnis in der deutlich älteren Legende der Maria von Ägypten (um 344–um 421 oder 430). Sie soll zunächst als Prostituierte in Alexandria gelebt haben. Im Zuge einer Pilgerfahrt nach Jerusalem bekehrt sie sich zum christlichen Glauben und entsagt allem Weltlichen. Fortan lebt sie 47 Jahre lang jenseits des Jordans alleine in der Wüste, wo ein Einsiedler sie entdeckt. Ihre Kleider zerfallen im Laufe der Zeit. In einer früheren Überlieferung heißt es, ihr Haar sei so lang gewachsen, dass es ihren Körper umhüllt.
Die Vermischung dieser Heiligengeschichten von Maria Magdalena und Maria Aegyptiaca geht auf Schriften des 9. Jahrhunderts zurück. Den Handlungsort verlegte man später nach Südfrankreich in die Provence.
Allem Weltlichen entsagen, asketisch in der Wildnis leben und Buße tun: Im 13. Jahrhundert breiten sich über West- und Mitteleuropa rasch die einflussreichen Bettelorden der Dominikaner und Franziskaner aus. Offen äußern sie Kritik am immensen Reichtum der Kirche und propagieren Maria Magdalena als Vorbild und Inbegriff eines Lebens in Buße und selbstgewählter Armut.
„Keiner anderen Frau auf der Welt [außer der Jungfrau Maria] wurde größere Verehrung entgegengebracht oder größerer Ruhm im Himmel zugeschrieben.“
Humbert de Romans, Generalvikar des Dominikanerordens, 13. Jahrhundert
Maria Magdalenas Vita auf mindestens vierzehn Tafeln – so schilderte es ursprünglich dieser Altar mit klappbaren Seitenflügeln. Gestiftet wurde er für die Lübecker Dominikanerkirche.
In beeindruckender Malerei geben drei Tafeln Aufschluss über weitere Episoden aus dem legendarischen Leben der Heiligen in Südfrankreich.
Das kollektive Gedächtnis verortet die Heilige fest in der südfranzösischen Provence: Maria Magdalena gilt fortan als direkte Begründerin des Christentums in Frankreich. Ein kleines Kloster im zentralfranzösischen Vézelay befeuert den Magdalenenkult noch zusätzlich. Denn hier behauptet man, im Besitz ihrer Gebeine zu sein.
Magdalenenkult
Die Gebeine der Heiligen werden der Legende nach im 9. Jahrhundert aus Südfrankreich in die Krypta der Klosterkirche von Vézelay überführt. Als Papst Leo IX. (1002–1054) im Jahr 1050 die dortigen Reliquien offiziell anerkennt, entwickelt sich der burgundische Ort zu einem der wichtigsten Wallfahrtsziele Frankreichs. Pilger aus ganz Europa finden hier die Nähe zu ihrer Heiligen – und sorgen für einen wirtschaftlichen Aufschwung von Kloster und Ort.
Aus nächster Nähe
Jesus am Kreuz – Maria Magdalena direkt daneben: Solche Passionsdarstellungen sind die Folge ihrer Inszenierung als Identifikationsfigur. Die Loyalität und Treue der Heiligen sollen zum vorbildlichen Verhalten aller Gläubigen werden.
„Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala.“
Johannes 19, 25
Die im Johannesevangelium geschilderte Anwesenheit unter dem Kreuz begründet Maria Magdalenas besondere Nähe zu Jesus.
Gefährliche Nähe
Beim realen Kreuzigungsgeschehen wäre eine solche Nähe zum Verurteilten riskant gewesen: Sie hätte zur sicheren Festnahme durch die römischen Soldaten geführt. Auch Frauen blieben vor 2.000 Jahren nicht von der Todesstrafe durch das Kreuz verschont.
Daher schildern Matthäus, Markus und Lukas einheitlich Maria Magdalenas Zeugenschaft mit anderen Frauen aus der Ferne. Von der Anwesenheit männlicher Apostel wird bei der Kreuzigung nicht berichtet – aus Angst um das eigene Leben sind sie ferngeblieben.
Die Farbe der Liebe – und des Blutes: In einem leuchtend roten Kleid rückt Girolamo di Benvenuto (1470–1524) Maria Magdalena dicht an den Gekreuzigten heran und damit ins Zentrum der Passionsszenen. Die drei aufeinanderfolgende Episoden – gemalt in einheitlicher Landschaft – geben weit mehr von Maria Magdalena preis, als die Evangelien.
Mutige Frauen
Girolamo di Benvenuto zeigt den Zusammenhalt der mutigen Frauen: Maria Magdalena stützt die Muttergottes. Gemeinsam stehen sie Jesus bei, während Soldaten ihn zur Hinrichtungsstätte Golgatha treiben.
Unterm Kreuz
An prominenter Stelle zwischen Maria und Johannes platziert der Maler die engste Vertraute Jesu. Mit beiden Händen lässt er Maria Magdalena den Kreuzesstamm umklammern, um Jesus nahe zu sein. Beinahe scheint es, als wolle sie seine Füße berühren.
Beweinung
Maria Magdalena berührt die Füße des vom Kreuz abgenommenen Christus – eine Szene, die kein Evangelium so schildert. Doch seit der Vermischung der Heiligen mit Maria von Bethanien und der namenlosen Sünderin ist das Salben der Füße fester Teil der Magdalenengeschichte. Zugleich erinnert es an ihren vergeblichen Versuch, am Ostermorgen den Leichnam zu salben.
Flüssige Kostbarkeit
Das kostbare Nardenöl aus der Himalayaregion von Nepal, China oder Indien betörte bereits die Menschen im antiken Ägypten mit seinem Duft. Als luxuriöses Parfum, schmerzstillende Medizin und zur Totenbalsamierung kam die Importware zum Einsatz. Fest verschlossen in Salbgefäßen konnten sich Duft und Wirkung am besten erhalten.
Auch im Römischen Reich war die Salbung Verstorbener als reinigendes Ritual und Ausdruck der sozialen Stellung üblich – und zugleich als Geste inniger Liebe.
Heute fehlt die Hand – ursprünglich hielt auch diese Maria Magdalena in ihrer Linken sicherlich ein Salbgefäß und war von anderen Heiligenfiguren umgeben: Der Bildhauer Hans Multscher (um 1400 – 1467) zeigt die Trauernde auf dem Weg zu Jesu Grab. Mit einem feinen Gespür für die Darstellung von Emotionen lädt er die Gläubigen zum Mitleiden ein. Im Kirchenraum lösen gerade solch große und dreidimensionale Darstellungen der in sich gekehrten Maria Magdalena tiefe Gefühle aus.
Gesenkter Blick, hängende Schultern und gerötete Wangen: Mit einer solchen Maria Magdalena kann sich im Kirchenraum jeder identifizieren – auch im Falle tiefster Trauer.
Heiliger Akt
Eine nackte Heilige? Ein Skandal, so sollte man meinen. Möglich aber werden solche Darstellungen, als der Blick auf den menschlichen Körper wieder ins Interesse der Künstler rückt.
Der Mensch und sein Körper erstmals wieder im Fokus von Künstlern und Gelehrten: Die Entdeckung antiker Skulpturen und Schriften in Italien ab dem 15. Jahrhundert führt zu einem kulturellen Wandel. Neue Bilder von Maria Magdalena entstehen – von nichts bedeckt, als ihrem langen Haar.
Albrecht Dürer (1471–1528) widmet sich der bedeutendsten Episode der Magdalenenlegende: Während ihrer dreißigjährigen Zurückgezogenheit in der Wildnis erheben Engel die Heilige zur Speisung mit himmlischer Nahrung, die sie in Form von Gesang erhält.
Das asketische Leben scheint der körperlichen Verfassung der Eremitin nicht zu schaden. Ihr Aussehen entspricht ganz dem Ideal der Zeit, das sich an antiken Darstellungen der Liebesgöttin Venus orientiert.
Im Zeichen des Humanismus
Galt im Mittelalter das menschliche Leben auf Erden hauptsächlich als Vorbereitung auf das göttliche Jenseits, befreien sich die Gelehrten des Humanismus Ende des 15. Jahrhunderts von diesem Gedanken. Angeregt durch Funde von Skulpturen und die Beschäftigung mit Schriften und Gebrauchsgegenständen aus der Antike setzen sie sich mit Kunst und Philosophie jener Epoche auseinander. Der Mensch als selbstbestimmtes und selbstbewusstes Wesen steht wieder im Vordergrund – und wird zum Gegenstand genauer Beobachtungen und Forschungen: Er wird gemessen, berechnet, gezeichnet und beschrieben.
Am christlichen Glauben halten die Humanisten weiter fest – versuchen aber, die antiken Vorstellungen von Moral und Philosophie mit denen des Christentums in Einklang zu bringen.
Das Motiv erfreut sich hoher Beliebtheit – auch außerhalb des Kirchenraums. Dürer gestaltet es daher als Druckgrafik: Kostengünstig und in hoher Auflage erreichen solche Blätter ein breites Publikum. Rund 100 Jahre später malt Giovanni Lanfranco (1582–1647) eine emporgehobene Maria Magdalena ganz anderer Art.
Weit entfernt von perfekter Schönheit und göttlicher Unversehrtheit: Strähniges Haar, fahle Haut und ein vor Hunger aufgeblähter Bauch verbildlichen realistisch die selbstgewählten Entbehrungen.
Im Vordergrund ein Felsplateau und in der Ferne die Küste von Marseille – beide Künstler beziehen sich auf die provenzalische Legende der Maria Magdalena. Einige Kilometer weiter im Landesinneren liegen die Grotte im Massiv von Sainte-Baume und die Basilika von Saint-Maximin-la-Sainte-Baume. In deren Krypta will der damalige Graf der Provence, Karl II. von Anjou, 1279 den echten Sarkophag der Maria Magdalena gefunden haben.
Das Ende einer Ära
Als Papst Bonifaz VIII. 16 Jahre nach deren Auffindung die Echtheit der Reliquien von Saint-Maximin-la-Sainte-Baume bestätigt, verliert das Pilgerziel Vézelay abrupt an Bedeutung. Die „wahren“ Gebeine befinden sich fortan in den Händen der Dominikaner, denen der Aufbau einer neuen Pilgerstätte in der Provence überantwortet wird.
Begegnung im Grünen
Die Kunst weitet ihren Blick: Nicht nur der Körper, sondern die Natur selbst rückt in den Vordergrund. In einer grünen Landschaft sucht Maria Magdalena verzweifelt nach dem Leichnam Jesu und steht plötzlich dem auferstandenen Christus leibhaftig gegenüber – eine berührende Begegnung, die über Jahrhunderte hinweg Künstlern als Inspiration dient.
Wie sich ein Landschaftsmaler dem biblischen Thema widmet, zeigt Claude Lorrain (1600/1605–1682): Inmitten der grünen Natur, fernab der Stadtmauern und am Fuße der Hinrichtungsstätte Golgatha deutet er das leere Felsengrab an, über das ein Engel wacht.
Maria Magdalena begegnet dem auferstandenen Christus als Erste. Diesen besonderen Moment ließ der römische Kardinal Fabrizio Spada (1643–1717) als Auftraggeber links auf der Leinwand inszenieren.
Spadas versteckte Botschaft
Reformatorische Schriften von Theologen wie Martin Luther (1483–1546) oder Johannes Calvin (1509–1564) verbreiten sich seit dem 16. Jahrhundert in weiten Teilen Europas. Viele Menschen schließen sich dem neuen Glauben an. Die Reformatoren stellen die Autorität der römisch-katholischen Kirche genauso in Frage wie das Sakrament der Buße oder die Praxis der Heiligenverehrung.
Kardinal Fabrizio Spada wiederum bekehrte Calvinisten zum Katholizismus. Es erstaunt daher nicht, dass er Maria Magdalena malen lässt: Sie selbst soll der Legende nach in Frankreich missioniert haben.
Jesus mit breitkrempigem Hut und Schaufel? Was skurril anmuten mag, ist ein durchaus übliches Motiv in der Kunst. Das Johannesevangelium berichtet, wie Maria Magdalena den Auferstandenen zunächst nicht erkennt und mit einem Gärtner verwechselt.
„Sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast!“
Johannes 20, 15
Auf diese Passage bezieht sich auch die italienische Künstlerin Lavinia Fontana (1552–1614) 100 Jahre vor Claude Lorrain. Sie rückt Maria Magdalena in einen auffällig gelben Umhang gehüllt ins Zentrum ihres Bildes. Im Hintergrund platziert die Malerin die vorangegangene Szene: Die drei Marien finden am leeren Grab nur den sitzenden Engel vor.
Ikonische Bilder
Eine Heilige – menschlicher und näher als je zuvor: Frei von jeder episodenhaften Erzählung rücken intime Einzelbilder Maria Magdalena in den Fokus. Bis heute präsentieren sich Stars in der Rolle der Heiligen.
Eine Ikone vor sphärisch-blauem Hintergrund – an Maria Magdalena lassen nur noch Details wie die silber-glänzenden Tränen oder das lange Haar und nicht zuletzt die offen zur Schau gestellte Nacktheit denken.
Die Verbindung aus sinnlich aufgeladener Ästhetik und religiöser Symbolik erinnert an den Wandel der Sünderin zur Büßerin. In der Rolle der Maria Magdalena inszeniert der Künstler David LaChapelle (*1963) Kim Kardashian (*1980), eine der prägendsten weiblichen Ikonen der amerikanischen Popkultur. Erfolgreich setzt auch sie selbstbewusst ihren Körper und ihre Weiblichkeit ein – mit unterschiedlichen Reaktionen.
„Der Starkult ersetzt die Religion in diesen turbulenten Zeiten.“
David LaChapelle
Aber schon seit 500 Jahren lassen sich einflussreiche Persönlichkeiten immer wieder in der Rolle der Maria Magdalena darstellen. In jedem dieser Werke spiegelt sich die ungebrochene Faszination für die facettenreiche Heilige.
Zeichen der Macht
Mit geöffnetem Salbgefäß und langen Locken unter der Haube ist nicht etwa Maria Magdalena dargestellt: Die Frau im vornehmen Kleid vor weiter Landschaft ist Margarete von Österreich (1480–1530), das verraten ihre Gesichtszüge. Die Tochter von Kaiser Maximilian I. und Maria von Burgund regierte seit 1507 als Statthalterin die Burgundischen Niederlande.
Gemalt hat das Porträt ihr Hofmaler Barent van Orley (1487–1541). Es ist ein Rollenspiel von politischer Bedeutung. Denn als rechtmäßige Erbin des Herzogtums Burgund, das der französischen König annektiert hatte, wies sie stets darauf hin, dass das Herzogtum eigentlich ihrer Familie, den Habsburgern, zustand.
Die zur Schau gestellte Nähe zur Heiligen erinnert an die enge Verbundenheit mit Burgund: Dem in der Legende von Maria Magdalena zum Christentum bekehrte und mit einem Thronfolger beschenkte Fürstenpaar von Marseille wurde im 15. Jahrhundert posthum die Auszeichnung „König und Königin von Burgund“ verliehen. Dabei spielte sicherlich eine Rolle, dass die Abtei von Vézelay, der erste bedeutende Verehrungsort der Heiligen, auch im Burgund lag.
Von Angesicht zu Angesicht mit dem Betrachter: Zur gleichen Zeit entwickeln sich Bilder, die Maria Magdalena selbst in den Fokus rücken. Ohne erzählerischen Inhalt verweisen nur noch Symbole wie Salbgefäß, Totenschädel oder offenes blondes Haar auf ihre Geschichte. Ihre zur Schau gestellte Körperlichkeit, das makellose Aussehen und eine bisweilen sinnliche Erscheinung mögen bis heute gar erotisch wirken.
Zum Greifen nah
Sehnsucht nach einer neuen Nähe: Darstellungen der Maria Magdalena rücken so nah an den Betrachter heran, dass die Grenze zwischen Bild und Wirklichkeit verschwimmt.
Es ist eines der frühesten und zugleich einprägsamsten Einzelbilder der Heiligen: Keine Maria Magdalena zuvor hat sich je so radikal dem Betrachter zugewandt.
Unter einem schimmernden Seidenumhang lässt der in Venedig tätige Maler Giovanni Girolamo Savoldo (um 1480–um 1549) die Heilige hervorblicken. Darunter stützt ihre Hand das nachdenkliche Gesicht. Das einzig erzählerische Detail ist die subtile Andeutung der aufgehenden Sonne. Sie erinnert an den Ostermorgen, an dem Maria Magdalena Jesu leeres Grab findet.
Maria Magdalena scheint zum Greifen nah: Reagiert Savoldo auf die Sehnsucht der Menschen nach der physischen Präsenz der Heiligen?
Dieses Bedürfnis nach Nähe erinnert auch an ihre leibhaftige Begegnung mit dem auferstandenen Christus. Ein Motiv, das Laurent de La Hyre (1606–1656) eindrucksvoll in Szene setzt.
Maria Magdalena will Christus berühren – er aber weicht behutsam zurück: Sie solle ihn nicht anfassen oder gar festhalten, berichtet das Johannesevangelium. Künstler wie La Hyre aber entwickeln den Moment weiter und führen seine Hand sanft an ihre Stirn.
Kraft der Berührung
Jesu unmittelbare Berührung von Maria Magdalenas Stirn – eine ganz ungewöhnliche Geste. Ihren Beginn mag sie mit der Schädelreliquie der Maria Magdalena genommen haben. Sie wird noch heute in der Basilika von Saint-Maximin-la-Sainte-Baume verehrt. Einer Legende nach soll der Schädel beim Fund eine Stelle mit unversehrter Haut bewahrt haben: An der Stirn – genau dort, wo der Auferstandene sie berührt haben soll.
Reue und Ekstase
In einer Zeit, in der protestantische Reformatoren die Heiligen- und Bilderverehrung ablehnen, setzt die katholische Kirche auf gefühlvolle Nahbarkeit: Sie zeigen Maria Magdalena als emotionale, gar menschliche Figur, die die Gläubigen tief berühren soll.
Mit roten Wangen, herabrinnenden Tränen und in tiefer Hingabe gen Himmel blickend: Tizians (1488/90–1576) emotionale Darstellung der Maria Magdalena soll zum Mitleiden anregen. Besonders schön gemalte Details wie das gläserne Salbgefäß oder der Totenschädel verweisen auf ihre Zeugenschaft der Kreuzigung und erinnern zugleich an die Vergänglichkeit des Daseins.
Rund 25 Magdalenenbilder stammen aus Tizians Werkstatt. Diese Version ist entstanden, nachdem die katholische Kirche im Zuge der Gegenreformation Regeln für die Kunst aufstellte: Sie sollte belehren, zu Frömmigkeit und Sittenstrenge ermahnen. Eine allzu erotische Wirkung sei bei der Darstellung von Heiligen jedoch zu vermeiden.
Tizian hält sich an die Regeln und bedeckt die Brüste seiner Magdalenen. Eine ältere Version des Künstlers zeigt die Büßerin noch vollkommen nackt, umspielt von rotblonden Locken.
Rund 100 Jahre später als Tizian – aber ähnlich gefühlvoll und nahbar wirkt Francesco Furinis (1603–1646) Maria Magdalena. Einer gewissen Betonung der Sinnlichkeit kann sich auch der florentinische Maler und Priester nicht enthalten. Unweigerlich ruft sein Gemälde Erinnerungen an die ehemalige Sünderin wach.
Tränen
Mit verquollenen Augen und dicken Tränen erscheint die Büßerin in tiefer Trauer.
Salbgfeäß
Das Salbgefäß erinnert an die ehemalige Sünderin, die die Füße Jesu gesalbt hat – aber auch an Maria Magdalenas Besuch am Grab. Im Gemälde versinkt sie darüber in melancholischer Hingabe.
Sinnlichkeit
Nur ein Stückchen transparenter Stoff bedeckt notdürftig die Brust: Das derangierte Untergewand weist auf die Sünderin hin.
Sünderin auf dem Prüfstand
Erst 1969 hat Papst Paul VI. die Gleichsetzung Maria Magdalenas mit Maria von Bethanien und der namenlosen Sünderin offiziell rückgängig gemacht. solche Forderungen gab es jedoch bereits deutlich früher. Schon der katholische Theologe Jacobus Faber Stapulensis (1450/55–1536) etwa hat die drei Frauen als voneinander unabhängige Personen verstanden und damit kontroverse Diskussionen ausgelöst. Die Befürchtung war groß, dass die bedeutende Wandlung zur Büßerin ihre Grundlage verlieren würde, wenn Maria Magdalena keine Vorgeschichte mehr als Sünderin besäße. Damit wäre dem für die Kirche so zentralen Bußsakrament eine wichtige Identifikationsfigur abhandengekommen.
Noch immer gilt die Beichte als eines der sieben Sakramente der katholischen Kirche, das von einem Priester gespendet werden kann: Im Namen Christi kann er die Reumütigen von ihren Sünden lossprechen.
Schier unüberschaubar ist die Anzahl der Werke, die Maria Magdalena zurückgezogen in der Wildnis zeigen. Die bekehrte Sünderin bei der Buße ist gerade im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert ein populäres Vorbild: Mit der Gegenreformation, der katholischen Antwort auf die Reformation, gewann das Bußsakrament innerhalb der katholischen Kirche an enormer Bedeutung – und mit ihm Bilder der büßenden Maria Magdalena.
Dieses Gemälde irritiert! Zwar verwendet Guido Cagnacci (1601–1663) die typischen Bildelemente der Maria Magdalena – in der Kombination aber entfaltet sich eine geradezu skandalöse Wirkung.
Unübersehbare Nacktheit
In hellem Licht: Der Maler wendet dem Betrachter den zurückgelehnten, entblößten Oberkörper der Heiligen zu.
Aufforderung zum Hinsehen?
Durchaus pikant platziert liegt in Maria Magdalenas Schoß der Totenschädel. Dessen leeren Augenhöhlen richtet der Maler auf die nackten Brüste: Eine Einladung zum Voyeurismus? Die Erinnerung an die eigene Verführbarkeit?
Werkzeug der Geißelung
Der sinnlichen Erotik stellt der Maler die radikalste, schmerzhafteste Art der Buße gegenüber: In der Hand hält Maria Magdalena eine eiserne Geißel. So können die Pose und ihre geschlossenen Augen als die Ermattung nach der Selbstkasteiung verstanden werden – oder als orgasmische Ekstase.
Heute wirkt die Darstellung mit geschlossenen Augen, in den Nacken gelegtem Kopf und entblößtem Oberkörper höchst erotisch. Im 17. Jahrhundert jedoch verbildlicht diese körperliche Hingabe das Erleben religiöser Ekstase: Aus Sicht der katholischen Kirche bringt genau dieser Zustand die mystische Begegnung zwischen Gott und dem Menschen zum Ausdruck – was nicht zuletzt dazu diente, sich deutlich vom Protestantismus abzugrenzen. In dessen Zentrum steht vorrangig die nüchterne Auslegung des Bibeltexts.
Auf den ersten Blick sehr ähnlich – aber doch in einer deutlich abgemilderten Erotik erscheint Elisabetta Siranis (1638–1665) Maria Magdalena. Ihre Büßerin ist weniger aufreizend, weniger sexualisiert. Dieser Körper wirkt eher ermattet zusammengesunken als ekstatisch angespannt.
Moderne Erzählungen
Im Zuge der Moderne verblasst die gesellschaftliche Bedeutung der Religion zunehmend – die Faszination für Maria Magdalena jedoch bleibt ungebrochen. In der Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts wandelt sich ihr Bild zu einer vielschichtigen Projektionsfläche für neue Fragen und Identitäten.
Wie kann eine moderne Maria Magdalena aussehen? Pierre Puvis de Chavannes (1824–1898) malt sie ohne Idealisierung oder Dramatisierung. In der Ruhe der Zurückgezogenheit ist die Eremitin ganz bei sich.
Ungewöhnlich ist die Darstellung einer stehenden meditierenden Heiligen. An ihrer Identität aber lässt der französische Künstler keinen Zweifel: Die Büßerin ist mit langem blondem Haar und Totenschädel vor einer weiten Gebirgslandschaft dargestellt. Das von grünen Baumwipfeln durchzogene Kalksteinmassiv um Sainte-Baume gibt Puvis de Chavannes so genau wie kaum ein anderer Maler wieder.
Maria Magdalenas Bedeutung nimmt nicht ab – auch als nach der Französischen Revolution in Frankreich eine strikte Trennung von Kirche und Staat vollzogen wird. Im Streben, die Folgen dieser Säkularisierung abzumildern und den katholischen Glauben zu erneuern, ist die Heilige eine Schlüsselfigur: Denn durch die Legende, Maria Magdalena habe das Fürstenpaar von Marseille bekehrt, gilt sie als Begründerin des christlichen Frankreichs. Erneut inspiriert ihre Rolle auch die Kunstwelt.
Maria Magdalena im Pariser Salon
Die wichtigste Ausstellung Frankreichs: Die Teilnahme am Pariser Salon, der jährlichen Präsentation der staatlichen Kunstakademie, kann im 19. Jahrhundert ausschlaggebend sein für den wirtschaftlichen Erfolg eines Künstlers. Keine andere Heiligenfigur wird häufiger dort gezeigt als Maria Magdalena – ein Beleg für die anhaltende Faszination dieses Themas.
1870 reicht auch Pierre Puvis de Chavannes seine Maria Magdalena in der Wüste im Pariser Salon ein. Das Bild erregt Aufsehen: Wohl weil es seiner Zeit voraus ist, wird es von konservativen Kritikern als Karikatur verunglimpft. Dennoch feiert das Werk einen großen Erfolg und bringt dem Maler die Anerkennung moderner Kunstsammler ein.
Die in Glaubensfragen zerrissene Gesellschaft in Frankreich kommentiert Jean Béraud (1848–1935) künstlerisch – und durchaus kritisch. Der Maler inszeniert das Gastmahl des Simon, bei dem sich laut Lukasevangelium die Sünderin Jesus offenbart, als zeitgenössische Tischgesellschaft. In dieser modernen Version aber treffen Vertreter der politischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Elite Frankreichs zusammen. Wenig beeindruckt beobachten die Männer das Geschehen.
Ernest Renan
Simon trägt die Züge des Historikers und Schriftstellers Ernest Renan (1823–1892). 1863 unterstellt sein Essay Vie de Jésus, Maria Magdalena habe sich die Auferstehung nur eingebildet.
Liane de Pougy
In der sich theatralisch zu Boden werfenden Sünderin erkennen Zeitgenossen die stadtbekannte Cabaret-Tänzerin und Kurtisane Liane de Pougy (1869–1950). Als das Gemälde 1891 im Pariser Salon ausgestellt wird, sorgt es für einen Eklat.
Albert Duc-Quercy
Ein Novum in der Kunst: Erstmals tritt eine reale Person in der Gestalt von Jesus auf. Der entschlossene Sozialist Albert Duc-Quercy (1856–1934) war aktives Mitglied der Französischen Arbeiterpartei und beteiligte sich an mehreren Streiks in den Kohleabbaugebieten des Aveyron.
Georges Clemenceau
Ein zweifelnder Blick: Auch der spätere französische Ministerpräsident Georges Clemenceau (1841–1929) wird am Tisch Zeuge der Geschehnisse. Immer wieder äußerte er sich kirchenfeindlich und kämpfte für die Trennung von Kirche und Staat.
Alexandre Dumas d.J.
Der Schriftsteller Alexandre Dumas d.J. (1824–1895) setzt sich mit sozialen und gesellschaftlichen Problemen auseinander. Besonders die komplexe gesellschaftliche Rolle der Frau interessiert ihn. Sein Roman Die Kameliendame – der später als La Traviata große Erfolge in der Oper feiern wird – erzählt die tragische Liebe zu einer Kurtisane und beruht auf seiner eigenen Begegnung als junger Mann mit der Pariser Kurtisane Marie Duplessis (1824–1847).
Die Suche nach der Wahrheit
Die Epoche der Aufklärung und die Umbrüche der Französischen Revolution leiten einen fundamentalen Wandel ein: Der Glaube an das Mystische weicht dem Vertrauen in die menschliche Vernunft. Im 19. Jahrhundert gewinnen Forschung und Wissenschaft an Bedeutung. Die Autorität der Kirche gerät zunehmend ins Wanken. Selbst die aufkommende Religionswissenschaft beginnt, die Authentizität der Bibel zu hinterfragen.
Als Gegenbewegung dazu entsteht an der Schwelle zum 20. Jahrhundert in Frankreich das „Renouveau Catholique“. Seine Vertreter reagieren auf die in ihren Augen seelenlose Modernisierung der Gesellschaft. Getrieben vom schmerzlichen Verlust des Deutsch-Französischen Krieges und der Furcht vor einem nationalen Identitätsverlust streben sie nach einer Erneuerung des katholischen Glaubens. So rückt die Wiederbelebung von Mystik, Ästhetik und tief erlebter Spiritualität wieder in den Fokus – ebenso wie die Figur der Maria Magdalena, deren Legende eng mit Frankreich verwoben ist.
Künstler der Provokation: Félicien Rops (1833–1898) sucht mehrfach den Konflikt mit der Kirche auf künstlerisch-inhaltlicher Ebene. Deutlich macht dies seine Darstellung der Maria Magdalena vor dem Kreuz Jesu.
Einen selig lächelnden Jesus lässt Rops vor hell erleuchtetem Kirchenfenster erscheinen. Zwar blutet er aus Wundmalen und seine Arme sind zur Seite gestreckt, das Kreuz aber fehlt. Darunter umklammert ihn Maria Magdalena leidenschaftlich, beinahe besitzergreifend – und noch dazu nackt.
Im Zeitalter des Kolonialismus ist die Darstellung Christi als Person of Color sicherlich als Provokation wahrgenommen worden.
Femme fatale?
Rops Grafik L’Amante du Christ ist das Titelblatt des gleichnamigen Theaterstücks von Rodolphe Darzens (1865–1938), Die Geliebte Christi. Die erotische Beschreibung von Jesus als Liebhaber einer Frau löst im ausgehenden 19. Jahrhundert einen Skandal aus. Maria Magdalena entwickelt sich auf der Bühne zur „Femme fatale“: Ihre spirituelle Hingabe wird zur obsessiven Liebe umgedeutet. Sie treibt Jesus zwar nicht in den Ruin, verführt ihn aber.
Mit den traditionellen Regeln bricht auch Arnold Böcklin (1827–1901). Er lässt nicht die Gottesmutter den toten Christus beweinen, sondern Maria Magdalena!
Ihr überwältigender Schmerz ist nicht zu übersehen. Der Maler rückt Maria Magdalena ganz dicht an den Toten heran, sodass ihr schwarzer transparenter Schleier seinen Körper umhüllt.
Blick von unten
Böcklin zeigt die Szene in leichter Untersicht und orientiert sich dabei an einem berühmten Vorbild, dem ebenfalls etwa lebensgroßen Leichnam Christi von Hans Holbein d. J. (1497–1543).
Ein Bild voller Rätsel malt Max Beckmann (1884–1950) 1917, kurz nachdem er im Ersten Weltkrieg aus dem Kriegsdienst entlassen wird: Unter dem Titel Christus und die Sünderin zeigt er eine Gruppe aufgebrachter Männer mit emporgestreckten Fäusten und Lanzen.
In einer Zeit, in der religiöse Kunst immer seltener wird, erinnert Beckmanns erzählerische Darstellung an die jahrhundertealten religiösen Bilder – und lässt doch Freiraum für Fragen nach der existenziellen Verwundbarkeit des Menschen.
Zeit für Neues
Ihre Geschichte mag 2.000 Jahre alt sein – aber sie ist längst nicht überholt: Noch heute gibt die Figur der Maria Magdalenas Anlass, über die Rolle der Frau zu reflektieren. Ganz bewusst setzen sich vor allem Künstlerinnen damit auseinander.
Loyal, schön, sündhaft: Oft gedankenlos angewandte Stereotype und lang genutzte Charakterisierungen. Ende des 20. Jahrhunderts aber werden sie um starke Perspektiven weiblicher Selbstermächtigung erweitert.
Die Heilige als unverwundbares Idealbildnis? Kiki Smiths (*1954) lebensgroße Maria Magdalena ist zwar über und über mit Haaren bedeckt und erinnert so noch an die Büßerin in der Wildnis. Bei genauem Hinsehen wirkt die Oberfläche aber wie von Schnitten durchzogen: Dieser Körper ist versehrt und verletzlich.
Am Fuß prangt eine auffällige, durchtrennte Kette. Die Skulptur wurde ursprünglich für den ehemaligen Gefängnishof des Lübecker Burgklosters geschaffen – die Heilige gilt auch als Schutzpatronin der Gefangenen. Womöglich verweist die Fessel der Voranschreitenden aber auch auf die Befreiung der Maria Magdalena von ihrer Rolle der Sünderin und Büßerin, auf die sie allzu häufig reduziert wurde.
Die spanische Künstlerin Nieves González (*1996) zeigt die Heilige als junge Frau mit blondem Haar.
Das leuchtende Rot ihres voluminösen, modernen Daunenmantels ist traditionell die Farbe von Liebe, Leidenschaft und Verführung – erscheint hier aber als Zeichen weiblicher Selbstbehauptung. Mit kräftigen Farben und tiefen Schatten knüpft González an die Bilder der spanischen Barockmalerei an und übersetzt sie in die Gegenwart.
Selbstbewusst lässt die Malerin Maria Magdalena von oben herabblicken. Sie will der Heiligen ihre machtvolle Präsenz zurückgeben, die mit der Zeit verblasste. Der Bildtitel La sfida (dt. „Die Herausforderung“) deutet diesen längst nicht abgeschlossenen Prozess an.
Noch heute regen spektakuläre Funde die Spekulationen um die „wahre“ Maria Magdalena an – die Faszination ist ungebrochen.
„Hat er denn heimlich mit einer Frau gesprochen, anstatt mit uns, und nicht öffentlich? Sollen wir uns etwa umkehren und alle auf sie hören? Hat er sie uns vorgezogen?“
Petrus, zitiert im Evangelium der Maria
Das Evangelium der Maria (Magdalena)
Immer wieder erweitern Schriftfunde aus der römischen Zeit unsere Kenntnis des Christentums. So wurde 1896 in Kairo, in der Nische einer christlichen Grabstätte, ein in Papyrus gebundenes Buchfragment entdeckt. Erst viel später publiziert, fand der Codex Berolinensis Gnosticus 8502 ab den 1970er Jahren Beachtung. Darin enthalten ist ein achtseitiges Textfragment mit dem Titel Evangelium der Maria, das Maria Magdalenas Perspektive schildern soll.
Das Schriftstück, von dem mehr als die Hälfte verloren ist, gilt als Abschrift eines Textes aus dem 2. Jahrhundert. Die Erzählung setzt nach der österlichen Begegnung ein: Während Jesus im ersten Teil zu den Jüngern spricht, übermittelt Maria Magdalena im zweiten Teil dessen Botschaft. Ihre bedeutende Stellung als Vertraute Christi findet darin Bestätigung – und wird von Apostel Petrus mit Argwohn kommentiert.
Apokryphe – also nicht in der Bibel enthaltene – Texte wie dieser regen bis heute zu kühnen Spekulationen an: Dan Browns Bestseller Sakrileg: The Da Vinci Code etwa schildert Maria Magdalena als Geliebte und Ehefrau Jesu.
Seit 2.000 Jahren ist Maria Magdalena immer wieder Projektionsfläche und Identifikationsfigur – für Gesellschaft, Kirche, Politik oder Kunst. Ihre Bedeutung ist bis heute ungebrochen. Denn drängende Fragen unserer Zeit sind eng mit ihrem Rollenbild verbunden: Welche Rollen werden Frauen gesellschaftlich wie kulturell zu- und abgeschrieben? Und was bedeutet es, sich von vorgefertigten Mustern und Erwartungen zu lösen?
Blickfang
Aufrechtstehende, weibliche Körper – jeder anders, jeder einzigartig. Ihnen allen gibt Marlene Dumas (*1953) den Titel Magdalena, doch auf die üblichen Merkmale der Heiligen verzichtet sie. Stattdessen fordern ihre Bilder unsere Klischees idealer weiblicher Schönheit heraus.
Drei Meter große Bilder: Marlene Dumas Gemälde entfalten ihre eindrucksvolle Wirkung erst in den Räumen der Ausstellung.